Wenn eine Stadt zu normal ist…

Es gibt Städte, die sind bekannt für ihre Schönheit. Andere sind für ihre Ausgangsmöglichkeiten beliebt. Wieder andere haben eine Vergangenheit, die an der Historie Interessierte anlockt. Und dann gibt es Ortschaften, in die eigentlich niemand will und die genau deshalb spannend sind. Das englische Oldham sollte eine solche Stadt sein.

Seit neuestem ist Oldham von Manchester mit einem Tram zu erreichen. Der Ort in der Agglomeration, der einen Bahnhof mit dem Namen Mumps ihr Eigen nennen darf, ist trotz ihrer Nähe zu einer der bekanntesten Städte Englands kaum jemandem bekannt. Wer sich dennoch als Tourist dahin aufmacht, muss sich entweder in der Hotelauswahl vertan haben – das einzige Hotel des Ortes, das mit Dreier-Zimmern aufwartet, wirbt zum Beispiel mit einem Blick auf die Skyline Manchesters – oder er hat vor Jahren über die bemerkenswerte Präsenz des Ortes in der englischen Doku-Soap „Cops with Cameras“ von der Stadt erfahren. Was für eine Stadt muss das wohl sein, in der zur Mittagszeit Betrunkene in Hauseingängen geweckt werden müssen? In der sich die Polizei immer wieder Verfolgungsjagden liefert? Die in Online-Bewertungen mit „Oldham is like having a Wee. When its happening you think ‘yeah this is great,’ but then when you look down, you see Wee on your shoes.“ beschrieben wird? Aus der ein junger Erwachsener im Vollsuff einen Flug nach Paris gebucht hat, davon aber erst am nächsten Morgen in einer Pariser Flughafen-Toilette erfahren hat? Nun, wer nicht hingeht, findets nicht raus. Zeit für einen Ortstermin.

Die Anreise gestaltet sich unkompliziert. Vom Flughafen Manchester direkt per Bus, von der Stadt Manchester direkt per Tram ins Zentrum von Oldham. Der erste Eindruck: Enttäuschend. Das Busterminal sieht ganz normal aus, das Hotel ist für die praktisch geschenkten £10 pro Person sehr ordentlich und auch die Einwohner machen einen ganz gewöhnlichen Eindruck. Vielleicht tummeln sich die Einwohner, die den Ort bekannt gemacht haben, ja beim Fussball? Auch Fehlanzeige. Die Stadionbesucher sind wie mittlerweile fast überall in England gesittet. In der Halbzeitpause werden an der Bar Frizzell gar vorbestelle Biere ohne Kontrolle einfach bereit gestellt. Auch geklaut wird hier nicht. Wenn es hier etwas Bemerkenswertes gibt, dann ist das die fehlende Tribüne auf der einen Längsseite des Stadions. Nun gut, dann muss die Stadt wohl abends erwachen. Schliesslich ist es Samstagabend und in der Ausgangsstrasse reiht sich ein Pub ans andere, unterbrochen nur von unzähligen Imbissständen, die auf so einfallsreiche Namen hören wie Florida Fried Chicken, New York Fried Chicken, Kansas Fried Chicken. Unzählige weitere Lokale scheinen Hühnerspezialitäten anzupreisen. Nur sind sie alle leer. Genauso wie die Pubs. Oldham scheint am Samstagabend wie ausgestorben. An den Preisen kanns nicht liegen. Das Pint Ale kostet sogar für englische Verhältnisse wenig.

Was bleibt nach diesem Ausflug? Entweder hat Oldham in den letzten Jahren eine Gentrifizierung erlebt, die alteingesessene Einwohner vertrieben hat, ohne die nach Manchester pendelnde Mittelklasse anzuziehen. Oder die Berichte über die Zustände im Ort waren von Beginn weg überzeichnet. So oder so: Von einem Besuch kann man gut absehen.

(Remo war auf dieser Reise auch dabei. Seinen Bericht gibts hier.)

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